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   Greetsieler Glockenspiel, ein Kriminalroman von Bernd Flessner

Kurzbiographie: Dr. Bernd Flessner

Bernd Flessner geboren 1957 in Göttingen, aufgewachsen in Ostfriesland (Greetsiel), studierte Theater- und Medienwissenschaft, Germanistik und Geschichte in Erlangen, Promotion 1991 bei Theo Elm über Arno Schmidt und Stanislaw Lem, Zukunftsforscher im Netzwerk Zukunft e.V. (Netzknoten Erlangen), lehrt seit 1991 an der Universität Erlangen-Nürnberg (Institut für Germanistik), Publizist und Schriftsteller, Mitglied im Syndikat (Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur), bei den Inklings und im Arbeitskreis Ostfriesischer Autorinnen und Autoren.
schreibt als Kritiker und Essayist u.a. für: Neue Zürcher Zeitung, Kultur & Technik, Theater heute, Ästhetik & Kommunikation, Wechselwirkung, mare - Zeitschrift der Meere, Kursbuch, Zukünfte, MUT, Archiv für deutsche Postgeschichte, Ostfriesland Magazin sowie als Feature-Autor für den Bayerischen Rundfunk und den WDR.

Veröffentlichungen in den Verlagen Rowohlt, Suhrkamp, C.H. Beck, Rombach, SKN, Beltz, Gunther Narr, Ravensburger, Peter Lang, Königshausen & Neumann, Franckh-Kosmos, Leda-Verlag, Ph. C.W. Schmidt, Böhlau, MUT, Brockhaus.

Mitarbeiter und Gestalter zahlreicher Ausstellungsprojekte und Veranstaltungen, z.B. im Museum für Kommunikation (Nürnberg), ZEITReise 2000 (Berlin, Wien), 12. Internationale Frühjahrsbuchwoche 2001: Fiction & Science (München), Immer wieder Neues! (2002, Nürnberg), "200 Jahre Franken in Bayern" - Ausstellung vom Haus der Bayerischen Geschichte, Nürnberg 2006.

Vorträge an vielen Instituten, bei Tagungen und Kongressen, u.a. in Berlin, Nürnberg, München, Wetzlar, Stuttgart, Paris (Sorbonne).

Letzte Veröffentlichungen (Auswahl):

Wissenschaftliche Werke:

1996: Stanislaw Lem & Bernd Flessner: Die Entdeckung der Virtualität, Frankfurt am Main (suhrkamp taschenbuch 2398)
1997: (Hg.): Die Welt im Bild. Wirklichkeit im Zeitalter der Virtualität, Freiburg im Breisgau (Rombach litterae)
2000: Bernd Flessner & Jürgen Braunlein (Hg.): Der sprechende Knochen. Perspektiven von Telefonkulturen, Würzburg
2000: (Hg.): Nach dem Menschen. Der Mythos einer zweiten Schöpfung und des Entstehen einer posthumanen Kultur, Freiburg im Breisgau (Rombach litterae)
2000: (Hg.): Visionäre aus Franken. Sechs phantastische Biographien, Neustadt / Aisch

Prosa (Auswahl):

2000: Bernd Flessner & Peter Gerdes (Hg): Der schwarzbunte Planet. Science Fiction aus Ostfriesland, Norden
2001: Lemuels Ende. Mysteriöse Geschichten. Erzählungen, Leer (nominiert für den Kurd Laßwitz Preis 2002)
2001: (Hg.): Reisen zum Planeten Franconia. Science Fiction aus Franken, Neustadt / Aisch 2001 (nominiert für den Deutschen Science Fiction Preis 2002)
2002: Die Gordum-Verschwörung. Kriminalroman, Leer
2005: Greetsieler Glockenspiel. Kriminalroman, Leer

Prosa in Anthologien, Zeitungen und Literaturzeitschriften (aktuelle Auswahl):

Vom Orakel zum Lufttaxi. Eine kleine Reise in die Vergangenheit der Zukunft, in: Ivonne Leonard (Hg.): ZEITGeschichten, Ausstellungslesebuch zur Ausstellung ZEITReise mit Texten von Doris Dörrie, Joseph von Westphalen u.a., Berlin 2000
Die Fratze, Kriminalerzählung, in: Peter Gerdes (Hg.): Mordkompott. Kriminelles zwischen Klütje und Kluntje, Leer 2000
Der Sternenmann, Erzählung, in: Arbeitskreis Ostfriesischer Autorinnen und Autoren (Hg.): Faszination See. Von Küsten, Schiffen und Unendlichkeit, Leer 2000
Blind Date, Erzählung, in: Wortlaut. Zeitschrift für Literatur in Franken (6), Nürnberg 2000
Harry´s Schleim, SF-Erzählung, in: Jörg Weigand (Hg.): Wagnis 21. Erwartungen, Visionen, Ängste, Asendorf 2001
Matjestage, Kriminalerzählung, in: Peter Gerdes (Hg.): Mordlichter, Leer 2001
Das lassen wir kristallisieren, Kriminalerzählung, in: Jürgen Ehlers / Jürgen Alberts (Hg.): Mord und Steinschlag. Kriminalanthologie zum Jahr der Geowissenschaften, Leer 2002
Kurpfuscher und Dilettanten, Kriminalerzählung, in: Peter Gerdes (Hg.): Flossen hoch! Kriminelles zwischen Aal und Zander, Leer 2002
Abweichende Meinung, Erzählung, in: Fürther Nachrichten vom 18.06.2002
Die Amtskette, Kriminalerzählung, in: Billie Rubin (Hg.): Bayerisches Mordkompott, Leer 2003
Back to the Roots, Erzählung, in: Lilo Heimann (Hg.): Schiefer als Pisa, Anthologie des Arbeitskreises Ostfriesischer Autoren, Leer 2003
Level 4, Erzählung, in: Hans Kolde (Hg.): Mein Juist, Juist 2004
Flambeau, Erzählung, in: Tatjana Kruse / Billie Rubin (Hg.): Tatort Kanzel. 24 Kirchenkrimis, Kiel 2004
Murphy´s Law, Erzählung, in: Peter Gerdes (Hg.): Fiese Friesen, Leer 2005

Kinderbücher (Auswahl):

Lükko Leuchtturm und seine Freunde, Norden 1997
Lükko Leuchtturm und seine Freunde II, Norden 1999
Nach uns die Zukunft. Vom Orakel zu den Futures Studies, Ravensburg 1999
Lükko Leuchtturm und seine Freunde III, Leer 2001
Wiegand Wattwurm. Abenteuer auf Töwerland, Leer 2002
Die drei ???. Trainingsbuch für Detektive, Stuttgart 2003
Lükko Leuchtturm und seine Freunde IV, Leer 2004
Die drei ???. Handbuch der Geheimbotschaften , Stuttgart 2004
Der Kinder Brockhaus: Pferde, Mannheim 2005
Die drei ???. Survival-Handbuch, Stuttgart 2005

Bildbände:
Bernd Flessner / Martin Stromann: Greetsiel - ein weltbekanntes Dorf, Norden 2004 (SKN-Verlag).

Theaterprojekte (Auswahl):
Bernd Flessner: Weihnachten mit Lükko Leuchtturm, Musical für Kinder (Premiere: 2. November 2000); CD und MC bei Warner / Hamburg, Produktion & Musik: Edzard Wagenaar
Bernd Flessner & Paul Maar & Fitzgerald Kusz & Peter Roos & Tanja Kinkel & Rainer Lewandowski: Heinrich & Kunigunde, Episoden-Drama zum 1000jährigen Jubiläum von Heinrich & Kunigunde, Premiere: Juni 2002 in Bamberg (ETA Hoffmann Theater)


Kriminalroman: Greetsieler Glockenspiel
    
  
ISBN 3-934927-48-3
176 Seiten


Quelle: LEDA-Verlag
Kolonistenweg 24
26789 Leer
Internet: http://www.leda-verlag.de


Bei der Greetsieler Woche stürzt Jann ter Fehn, einer der ausstellenden Künstler, während einer Besichtigung von einer der beiden Greetsieler Mühlen. Kurz darauf wird eines seiner Bilder aus der Ausstellung gestohlen. Titel des Bildes: Greetsieler Glockenspiel. Kommissar Greven wittert einen Mord, wird jedoch vom zuständigen Staatsanwalt zurückgepfiffen.

Wenige Wochen später fallen während einer Expressionismus-Ausstellung in der Emder Kunsthalle mehrere Bilder einem Säureanschlag zum Opfer. Mona, Grevens Lebensgefährtin, erkennt diese Bilder wieder. Sie waren auf dem gestohlenen Bild zu sehen und stammen von Eike Lüken, der im Dritten Reich mit Malverbot belegt war und 1942 ermordet wurde. Greven ermittelt im ostfriesischen Künstlermilieu.

Leseprobe

1
Über dem Nordatlantik braute sich ein Sturmtief zusammen. Mitten im Juli. Das war nichts Ungewöhnliches und kam im Zuge des Klimawandels immer häufiger vor. Cirrus und Cirrostratus errangen nach einem kurzen Kräftemessen mit einem flüchtigen Hoch die Lufthoheit und verdunkelten den Himmel. Als der Wirbel einen Luftdruck von 965 hPa erreichte und kräftig genug war, streckte er seine Sichelfinger aus, die zunächst zahllose Wellenberge und -täler erschufen, wenig später mit mäßigem Erfolg an zwei Containerschiffen zerrten und schließlich den Golf von Biskaya und den Ärmelkanal erkundeten. In der Bretagne rüttelten sie, wie Generationen von Sichelfingern vor ihnen, vergeblich an den Menhiren von Carnac, erklommen dafür aber ohne große Anstrengung die Steilküste der Normandie, die diesen Zugriff gewohnt war. Widerstand war nun nicht mehr zu erwarten, der Rest des Weges über die belgische und niederländische Küste hinweg war ein Kinderspiel. Lediglich die Überwindung der großen Entfernung kostete einen Teil ihrer Kraft.
In Greetsiel, einem Fischerdorf an der ostfriesischen Nordseeküste, fuhren die Finger erst der westlichen, dann der östlichen der beiden Windmühlen ins Kreuz. Während die westliche Mühle stur blieb, nahm die östliche die Aufforderung zum Tanz an, denn der Müller hatte kurz zuvor durch Ziehen der Bremskette das Bremsband vom Achsrad gelöst. Wind bis zur Stärke 5 gilt seit je her als guter Mahlwind. Das Sturmtief hatte jedoch etwas mehr zu bieten, so dass der Müller von Pellwind sprach, der ausreichte, um den schweren Pellstein im Pellgang in Drehung zu versetzen.
Das Achsrad fletschte, von der Flügelwelle motiviert, seine hölzernen Zähne, die sich umgehend im Bunkler verbissen, der die Königswelle, vierkantig und aus Pitchpine, zum Rotieren brachte. Das Königsrad auf dem Königssöller folgte willig der Drehung und war bereit, die Korbräder der Mahlgänge und somit die Mahlsteine anzutreiben. Das Gehende Werk aus Eiche, Pitchpine und Weißbuche stimmte eine knarrende Melodie an, deren Rhythmus das Sturmtief über dem Nordatlantik vorgab. Mechanischer Technosound vergangener Jahrhunderte, begleitet von einem ungewohnten Vibrieren unter den Füßen. Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke. Draußen flogen die Flügel vorbei. "Bei dieser Windstärke", hatte der Müller kurz zuvor erklärt, "kann diese Mühle mit zwei Gängen etwa 30 bis 40 Zentner Getreide pro Stunde schroten und etwa 20 Zentner mahlen." Die Blicke der Besucher wanderten durch den Achtkant und suchten nach den unbekannten Perkussionsinstrumenten, die von dem fernen Tief zum Leben erweckt worden waren. Holz schlug auf Holz, rieb, scheuerte, kratzte, schnarrte, hämmerte, pochte.

"Orff hätte seine helle Freude gehabt", kommentierte einer der Besucher die Arbeit des Mühlenensembles und ließ dabei den Rüttelschuh nicht aus den Augen, denn er wollte sehen, was seine Ohren so faszinierte.
Auch Monas Blicke fraßen sich in die noch nie gehörten Klangbilder, die kein anderes ihr bekanntes Gebäude zu bieten hatte. Denn Häuser zeichneten sich per se durch ihre Statik und Bewegungslosigkeit aus. Eine Windmühle jedoch, in diesem Fall ein zweistöckiger Galerieholländer mit Windrose, wie der Müller zu Beginn seiner Führung erklärt hatte, war nur zum Teil statisch. Der andere Teil, also die Kappe, die Flügel, die Mechanik, die Mahlgänge, war dynamisch. Diese Dynamik verlieh der Mühle die Aura des Lebendigen. Die Perkussionsmelodien, die sie hörten, konnte man als Lebensäußerungen deuten. Kaum hatte Mona sich diese Idee zu eigen gemacht, kamen ihr die zahllosen Mühlen, die ihre Kollegen im Laufe von Jahrhunderten auf Leinwand und Karton gebannt hatten, als absurde Konstrukte vor. Denn das Fixieren einer Mühle mit Ölfarbe oder Pastell entzog ihr die Aura des Lebendigen, entzog ihr das, was sie in diesem Augenblick sahen, hörten und fühlten. Oder etwa doch nicht? Sie suchte im Kopf nach Künstlern, denen es trotz dieser Erkenntnis gelungen war, das Wesen einer Mühle einzufangen, das sich von dem eines Wohnhauses oder Gulfhofes so deutlich unterschied. Sie raste durch Ausstellungen und Galerien, blätterte in großformatigen Katalogen und Kunstdruckbänden. Doch dann tauchten plötzlich andere Bilder auf, Bilder, nach denen sie gar nicht gesucht hatte. Es waren Fernsehbilder von Robotern, von Robotern in Menschengestalt, die auf einer Messe in Japan präsentiert worden waren. Zuerst hatte sie gedacht, Menschen würden in diesen Maschinenwesen stecken, so beeindruckend menschlich waren ihre Bewegungen. Als jedoch Ingenieure mit asiatisch stolzem Grinsen dem Roboter Teile seiner Kunststoffrüstung entfernten, kamen nur Drähte, Motoren, Zahnräder, Wellen, Riemen, Kabelbäume und Chips zum Vorschein.
Zahnräder und Wellen, das war es, diese Bilder hatten sich zu den Wellen und Zahnrädern, die sich über ihr und um sie herum bewegten, gesellt. Die Bewegung. Die Mechanik. Die Aura des Lebendigen. Mühlen sind nichts anderes als die Urahnen der Roboter. Frühe Versuche auf dem Weg zu einer zweiten Schöpfung. Lange vor der industriellen Revolution. Zarte Keime künstlichen Lebens, gehauen aus dicken Eichenstämmen. Golems aus Holz, Eisen und Stein. Nicht durch Magie, nicht durch das Wort "Anmanth", geschrieben auf die Stirn, sondern durch den Wind ins Leben gerufen. Spätere Entwicklungen bereits in sich tragend. Zukünftige Möglichkeiten schon lange vor …
Ein panischer, langgezogener Schrei kappte Monas Assoziationen und davoneilende Gedanken und holte auch die anderen Künstler, die mit ihr auf dem Pellsöller standen, aus ihrer Faszination. Vierzehn Köpfe schwenkten aus anderen Welten zu der kleinen Tür, die auf die Galerie hinausführte. Wäre jemand schnell genug gewesen, hätte er für Sekundenbruchteile den Anblick eines Mannes mit emporgerissenen Armen erhaschen können, den eine Flügelspitze des mächtig in Fahrt geratenen, fast vier Tonnen schweren Flügelkreuzes erfasst hatte. Totale Verblüffung und blankes Entsetzen hatten das Gesicht dieses Mannes gepackt, dem jede Zeit fehlte, das, was mit ihm geschehen war und noch geschah, zu begreifen. Mühelos hievte ihn der Flügel über das Geländer der Galerie in den Tod. Aber es war keiner der Besucher schnell genug. Allenfalls einen vorbeihuschenden Schatten hatten einige noch erwischen können, bevor sich die nächste Flügelspitze anschickte, der Galerie ihre Aufwartung zu machen. Und kaum hatte sich der kräftige Westwind des Schreis bemächtigt, gab die Mühle wieder den Ton an. Unbeeindruckt von dem Menschen, der ihr zwischen die Flügel geraten war, hielt sie stur an ihrem Rhythmus fest. Rieb, scheuerte, kratzte, schnarrte, hämmerte, pochte und klapperte, als wäre nichts geschehen. Mechanischer Technosound, komponiert vor Jahrhunderten, gespielt von windigen Sichelfingern auf einem 33 Meter hohen Instrument.

2
Als Greven an diesem Abend das Atelier betrat, war kein Laut zu hören. Weder Klänge von Miles Davis noch Bill Frisell begrüßten ihn, ganz zu schweigen von Mona, die es sich in letzter Zeit angewöhnt hatte, ihren Spätheimkehrer mit frischen Gnocchi al burro e salvia oder einer Zuppa di frutti di mare aus seiner Ermittlungsarbeit zu befreien. Kein verführerischer Duft stieg ihm heute in die Nase, kein Rotwein war dekantiert worden: Die Karaffe stand nüchtern auf dem Vertiko, das Mona kürzlich bei einem Rysumer Antiquitätenhändler erstanden hatte.
Greven ließ seinen Lederkoffer fallen und machte ein missmutiges Gesicht. So sehr er auch derartige Alltagsrituale ablehnte, noch dazu, wenn die Frau den Mann bekochte, sobald dieser von der Arbeit kam und dann Richtung Fernseher und Pantoffeln tendierte, an Monas allabendliche Speisungen hatte er sich schnell gewöhnt. Auch war ihm klar, dass damit nach der Greetsieler Woche vorerst Schluss sein würde, denn Mona musste nach Delfzijl, um ihre Bilder in der Mühle Adam aufzuhängen und ihre Ausstellung dort zu betreuen. Aber gerade heute, nach diesem Scheißtag, der ihn im Fall des Auricher Hoteliermords keinen Schritt weitergebracht hatte, wären ein gedeckter Tisch und ein trockener Italiener oder Franzose genau das Richtige gewesen.
Stundenlang hatte er das Personal verhört, die polnischen Zimmermädchen, den Koch, zwei seiner Hilfskräfte, eine der Putzfrauen, die beiden Kellner und den Portier. Und das waren noch lange nicht alle. Morgen würden sie sich die restlichen Angestellten vornehmen. Notfalls bis spät in die Nacht. Dabei war er sich längst sicher, dass sich hinter dem Mord, vielleicht war es auch nur ein Totschlag, ein simples Eifersuchtsdrama verbarg. Doch die Ehefrau des Opfers verfügte über ein Alibi, das sich bislang als sehr stabil erwiesen hatte. Und auf den möglichen Liebhaber und mutmaßlichen Täter wies keine Spur hin. Das Personal schwieg beharrlich oder wusste tatsächlich nichts. So blieb ihm nichts anderes übrig, als nach kleinen und kleinsten Hinweisen zu suchen, nach Widersprüchen in den Aussagen und Fehlern, die die potentiellen Lügner begingen.
Grevens Magen knurrte. Wie so oft hatte er einen großen Bogen um die Kantine gemacht. Schon im Interesse der eigenen Gesundheit. Aber Monas Kühlschrank war immer gut bestückt und der Weinkeller gut gefüllt. Er machte ein paar Schritte, in Gedanken längst in Pfannen und Töpfen rührend, als er Mona auf der Couch entdeckte. Ihre Augen, aus denen sie ihn starr anblickte, waren gerötet; ihrem Gesicht fehlte dafür die gewohnte Farbe.
"Jann ist tot", schluchzte sie leise.
"Wer?", fragte Greven, dem der Schreck in die Glieder fuhr, setzte sich neben Mona und legte ihr den Arm um die Schulter.
"Jann ter Fehn", näselte Mona, ohne wirklich zu weinen. "Wir waren doch schon bei ihm zum Essen. In Dornum."
Greven nickte.
"Er ist heute Nachmittag von der Galerie der Greetsieler Mühle gestürzt. Vor unseren Augen. Es war einfach grauenhaft."
Greven sah ihr in die Augen, die noch immer am Geschauten zu haften schienen und das Entsetzen widerspiegelten. Daran hatten auch die vielen Tränen und der Grappa nichts ändern können, den er auf dem kleinen Tischchen neben der Couch entdeckte.
"Wie … wie ist das passiert?", fragte er vorsichtig und füllte Monas Grappaglas, um es in einem Zug zu leeren.
"Ich weiß es nicht. Der Müller …"
"… Claas Beninga …"
"Ja, genau. Also, er hat die Mühle angestellt, die Flügel meine ich. Der Wind sei gut, hat er gesagt, und dass niemand auf die Galerie gehen dürfe. Doch Jann ist trotzdem gegangen. Obwohl der Müller mit klaren Worten davor gewarnt hatte. Niemand hatte auf ihn geachtet. Draußen ist er von einem Flügel erwischt worden. Über die Straße ist er geflogen. Bis in einen Vorgarten auf der anderen Seite. Du hättest ihn sehen sollen. Den Hals ganz schief. Augen und Mund weit aufgerissen." Mona holte schniefend Luft.
"Aber das war typisch Jann. Wenn etwas verboten war, musste er es gerade machen. Verbote haben ihn immer schon gereizt."
Sie füllte das Glas und trank.
"Dein Wievielter ist das?"
"Mein Dritter."
Greven nahm ihr das Glas aus der Hand und goss den Rest aus der Flasche ein. Für einige Sekunden behielt er den italienischen Tresterschnaps im Mund, ließ ihn auf die Schleimhäute einwirken und sorgte für einen langsamen Abgang.
"Zwei habe ich also noch gut", sagte er.
"Ich hole eine neue Flasche."
"Das mach ich gleich schon. Sag mir lieber, was ihr eigentlich in der Mühle gemacht habt." Mona schnäuzte sich und antwortete, noch immer mit leiser Stimme: "Onno Jütting hatte die Idee. Du weißt schon, der Galerist. Er hat den Vorschlag gemacht, dass alle Künstler, die in der Greetsieler Woche ausstellen, nach dem Aufhängen der Bilder zusammen im Witthus essen gehen und dann an einer Mühlenführung teilnehmen. Um auch mal etwas in den Gemeinschaftsgeist zu investieren, hat er gesagt, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Alle waren begeistert. Vor allem Jann." "Und es war sicher ein Unfall?", fragte Greven, einem beruflich bedingten Reflex folgend. "Was denn sonst?", entgegnete Mona mit leichter Empörung. "Wir waren doch alle dabei!" "Welcher meiner lieben Kollegen war denn vor Ort?"
"Sanders."
Greven kommentierte den Namen mit einer Bewegung der Augenbrauen.
"Er hat alle befragt und einen Unfall festgestellt. Zweifelsfrei. Wir waren alle total fertig. Mann, das werde ich nie vergessen. Dieser Schrei. Der große Schatten von dem Flügel. Und wie Jann so dalag. Die aufgerissenen Augen, der leicht geöffnete Mund. Mitten in dem Garten auf der anderen Seite der Straße."
Greven ging mit der Hand durch Monas Haar, dann zog er ihren Kopf an seine Schulter. Er streichelte sie, drückte sie an sich. Lange saßen sie so da, ohne dass ihnen die Zeit ins Bewusstsein pfuschte. Während Mona an den Bildern arbeitete, die seit dem Nachmittag alle anderen Bilder überdeckten, hatte Greven Mühe, sich Jann ter Fehn in Erinnerung zu rufen. Denn das Essen, das Mona erwähnt hatte, lag mindestens zwei Jahre zurück. Ein kleiner Mann mit wilden, schwarzen Haaren, Anfang fünfzig, der großformatige Bilder malte, die Schwarzweiß-Fotos glichen. Ein mittelmäßiger Koch, dessen Risotto Greven in keiner guten Erinnerung hatte, aber ein brillanter Rhetoriker, der diskutieren konnte wie sonst kaum jemand, und der seine Überzeugungen mit eindrucksvollen Gesten zu unterstreichen wusste.
Ließ sie die Zeit auch unbehelligt, ihre Mägen waren nicht so rücksichtsvoll und drängten sie schließlich aus ihren Bildern. Greven holte eine neue Flasche Grappa, die letzte, die sie an den vergangenen Urlaub in der Toskana erinnerte, suchte eine Aufnahme von John Coltrane aus dem Jahr 1958 aus, Tanganyika Strut, einen von Monas Lieblingstiteln, und ging in die Küche. Statt Gnocchi gab es Bratkartoffeln mit Matjes. Einst ein Armeleuteessen, wie so vieles, was heute längst den Weg auf die Speisekarten der gehobenen Gastronomie gefunden hatte. Trotzdem gelang es nicht jedem Koch, gute Bratkartoffeln zuzubereiten. Abgesehen von der Wahl der richtigen Kartoffel und der extrem kurzen Kochzeit, die die Kartoffeln halb roh ließ, hielt Greven vor allem die richtige Pfanne für entscheidend. Kartoffeln brauchte er nicht mehr zu kochen. Er fand sie im Kühlschrank. Nur rote Zwiebeln, Salz, Paprika und frischer Pfeffer aus der Mühle fehlten noch.
Die Pfeffermühle ließ ihn zu Monas schrecklichem Erlebnis zurückkehren. Mühlen waren gefährliche Gebäude. Wie oft hatten sie als Kinder in den beiden Greetsieler Mühlen gespielt, und wie oft hatte ihnen der Müller die Leviten gelesen, hatte sie gewarnt, ihnen Verbote erteilt und Geschichten erzählt, Geschichten von Unfällen, die nicht selten tödlich endeten. An eine konnte er sich noch gut erinnern. Irgendwann in den dreißiger Jahren des nun schon vergangenen zwanzigsten Jahrhunderts sollte der Emder Mühlenbauer Diedrich Dirks eine schadhafte Stelle der Galerie der östlichen Mühle reparieren. Er fand die Stelle, doch das Holz war morscher, als er angenommen hatte. Die Planken konnten sein Gewicht nicht tragen und gaben nach, er stürzte durch die Galerie hindurch. In den dreißiger Jahren. Der Mühlenbauer Dirks. Aus Emden. Brach durch die Galerie. Verunglückte tödlich. Noch immer klangen die Worte wie ein fernes Echo in Grevens Ohren. Wie oft mochte der Müller ihnen diese Geschichte erzählt haben?
Nun konnte Claas Hinrichs Beninga, der Sohn des alten Müllers, eine neue Geschichte erzählen. Von Jann ter Fehn, dem Künstler, der alle Warnungen in den Wind geschlagen hatte und dafür von diesem grausam bestraft wurde. Windgeschichten. Mühlengeschichten. Noch immer gab es sie, und noch immer handelten viele vom Tod, der in der Moderne so nachhaltig verdrängt wird und dennoch überall lauert. Aber die Moderne hat noch mehr gefälscht, nicht zuletzt die Mühlen, die sie zu romantischen Bauwerken verklärt hat. Dabei waren sie dringend notwendige, technische Bauwerke, als sie errichtet wurden, und der Beruf des Müllers war von Romantik so weit entfernt wie das Matterhorn vom Wattenmeer.
Nach dem einfachen, aber guten Essen, zu dem ein Pils besser passte als ein trockener Rotwein, kehrte die Farbe zurück in Monas Gesicht, während die Rötung ihrer Augen kaum noch zu erkennen war. Sie hatte nicht viel gegessen, aber es war genug, um den Magen und den Geist zu besänftigen. Ein zartes Lächeln huschte über ihre Wangen.
"Was wird aus der Greetsieler Woche?", fragte Greven. "Findet sie statt?" "Ich weiß es nicht. Keiner hat das Thema vorhin angesprochen", antwortete Mona. "Ich habe auch keinerlei Ahnung, wie die Verantwortlichen entscheiden werden. Ist mir im Moment auch völlig egal." "Hängen denn überhaupt schon alle Bilder?"
"Ja, die Ausstellung ist komplett. Wir haben doch heute gemeinsam die letzten Bilder aufgehängt." Den Rest des Abends überließen sie, zurückgezogen auf die Couch, John Coltrane.

3
Die Aula der Ubbo-Emmius-Schule in Greetsiel war bis zum letzten Platz besetzt. Manchen Besuchern war anzusehen, dass sie Mühe hatten, auf den Stühlen zu sitzen, die sonst Schülern vorbehalten waren. Auch Greven hatte Pech und landete tief und hart in der Etage für Erstklässler. Jedenfalls vermutete er es. Sein rechtes Knie, das ihm vor Jahren von einem Unbekannten zerschossen worden war, meldete sofort Protest an. Es gelang ihm, das Bein halbwegs unter den Stuhl des Vordermanns zu schieben.
Zuerst meinte er, keinen der Anwesenden zu kennen, doch dann tauchten einige bekannte Gesichter aus der Menge auf. Einige Künstler, mit denen Mona ihn irgendwann bekannt gemacht hatte, Gisbert Wilhelm natürlich, mit dem sie eng befreundet waren, er hob kurz die Hand, Petra von Hildegard, seine alte Kunstlehrerin, die längst um die achtzig sein musste, Thea Woltke, eine Werbetexterin und die attraktivste Zeugin, die er wohl jemals befragt hatte, Jabbe de Vries, ein hiesiger Tourismus-Manager, und Margret und Jan, zwei Freunde aus wilden Jugendtagen. Außerdem drängelten sich an den Wänden zahlreiche Journalisten und Pressefotografen. Die Greetsieler Woche war ein Highlight, über das auch überregional berichtet wurde. Greven kannte nur die lokalen Größen, Müller, Hartmuth und Bönhase, die auch ihn schon oft um Informationen angegangen waren. In den ersten Reihen saßen ihm unbekannte VIPs, darunter sogar Landtags- und Bundestagsabgeordnete, wie Mona ihm flüsternd erklärt hatte.
"Ab und zu wagen sie sich in die Nähe der Kunst, vor allem vor Wahlen, um dem Bürger ihr kulturelles Interesse, ihren Bildungsgrad und ihr ästhetisches Urteilsvermögen zu demonstrieren", spottete sie, während einer von ihnen hinter dem Mikrophon mit einem Fremdwort rang, das ihm irgendein Redenschreiber ins Manuskript geschmuggelt hatte. Am Ende seiner Lobeshymne auf die Veranstalter und die ausstellenden Künstler, die der Redner, einer antiquierten Sprachregelung folgend, Kunstmaler nannte, verlas er eine kurze Biografie Jann ter Fehns, "des am Vortage auf so tragische Weise von uns Gegangenen."
"Frerich Söden, der hiesige Landrat", flüsterte Mona.
"Und wie wir ihn alle kannten und verehrten, äh, bin ich mir sicher, dass es voll und ganz seinem Willen entsprochen hätte, äh, beziehungsweise entspricht, dass diese Ausstellung hier und heute ausgetragen, äh, abgehalten wird", versicherte Landrat Söden, der in seinem Manuskript nach der offenbar fehlenden letzten Seite suchte und die letzten Sätze notgedrungen improvisieren musste. Auch die anderen Laudatoren gaben vor, Jann ter Fehn und seinen letzten Willen gekannt zu haben, der darin bestanden hätte, die Ausstellung auf jeden Fall stattfinden zu lassen.
"… und so denke ich, in seinem Interesse zu handeln, wenn ich jetzt die diesjährige Greetsieler Woche eröffne", schloss der Schirmherr Frank Wübben seine Ansprache, ein Emder Teebaron, der schon mehrfach Bilder von Mona erworben hatte.
Es folgte eine Gedenkminute, in der Greven Mutmaßungen anstellte, an wen oder was die Landräte und MdBs mit den gesenkten Häuptern tatsächlich dachten. Insbesondere in die Schädel der ersten Reihe hätte er gerne einmal einen vorsichtigen Blick geworfen, denn soweit er von Mona wusste, hatte Jann ter Fehn eine ausgeprägte Aversion gegen Politiker jedweder Couleur gehabt und diese Überzeugung auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit lautstark kundgetan. Nicht dass er kein Demokrat gewesen wäre, im Gegenteil, sogar ein sehr radikaler, der in der Obszönität und Arroganz der Macht, in den labyrinthischen Lügengebäuden, den albernen Gesten und der unverhohlenen Heuchelei der Führungseliten einen klaren Verrat an der Demokratie gesehen hatte. So in etwa, vielleicht nicht genau in dieser Reihenfolge, hatte ihm Mona Jann ter Fehns Weltsicht vermittelt. Eine Weltsicht, die Greven zwar zu undifferenziert fand, die er aber dennoch gut verstehen konnte. Denn er zählte zu jenen, denen es für einige Zeit vergönnt gewesen war, hinter die Kulissen zu schauen. Er hatte nicht hier und da mal durch Astlöcher gepliert, wie es Journalisten taten, nein, er war tatsächlich hinter den Kulissen gewesen. Zwar war allgemein bekannt, dass es diese Kulissen gab, doch kannte sie der Durchschnittswähler nur von vorn, er sah nur das, was für ihn extra und mit großem Aufwand aufgebaut worden war, und er sah die Akteure in ihren Rollen, empörte sich über ihr Intrigenspiel, lachte über ihre Possen, beklatschte ihre Triumphe und genoss ihre Niederlagen. Greven wusste hingegen, wie die Kulissen von hinten aussahen, und wer sie wirklich aufbauen ließ. Er wusste, dass hinter den Kulissen keine Grenzziehung mehr möglich war zwischen organisierter Kriminalität, Wirtschaft und Politik. Jahrelang hatte er auf der Hinter- und den Nebenbühnen Kontoauszüge und Disketten sichergestellt, hatte Villen durchsucht, schwarze Kassen aufgespürt und routinierte Unschuldsmienen befragt, die unter Blackouts litten. Seit genauso vielen Jahren war er ein überzeugter Nichtwähler, der sich sicher war, dass das kleine Kreuz, das man alle paar Jahre in einen kleinen Kreis zu machen hatte, allenfalls die Besetzung auf der Bühne änderte, nicht aber die Rollen, das Stück und vor allem nicht das eigentliche Spiel hinter den Kulissen.
Nun saßen einige der Spieler, die meisten waren allerdings Amateure von Provinzbühnen, in den ersten Reihen und sollten eines Menschen gedenken, der sie verachtet hatte. Ihre Häupter waren brav gesenkt, ihre Schädel für Grevens Blicke undurchdringlich.
Kaum war die Minute um – wer sie wie beendete, entging Greven – stoben die Besucher der Eröffnungsfeier auseinander, suchten anscheinend lang entbehrte Nahrung am kalten Büffet, ergatterten die ersten, soeben gefüllten Sektgläser oder machten sich, zumeist in kleinen Grüppchen, in die einzelnen Klassenzimmer der Ubbo-Emmius-Schule auf, die zu Ausstellungsräumen umfunktioniert waren. Wie in jedem Sommer seit 1969. In jenem Jahr war die Gruppenausstellung von dem damaligen Rektor der Schule erfunden worden. Denn Greetsiel war schon lange ein Dorf, das viele Künstler fast magisch in seinen Bann zog, weil es Motive im Überfluss zu bieten hatte, den Hafen, die Kutter, den Deich, die See, den Himmel und natürlich die Mühlen. Warum also nicht in den Sommerferien zeigen, was Profis und Amateure mit Pinsel, Kreide und Spachtel daraus machten. Zuerst gingen Greven und Mona natürlich in den Klassenraum der 3a, denn dort hingen Monas großformatige Bilder, deren Entstehung er im Atelier seit Wochen verfolgt hatte. Und ebenso lange hatte er gebraucht, Mona davon zu überzeugen, ihr Bild von Gordum mit auszustellen. Fast ein Jahr war es hinter frisch aufgezogenen und gefirnissten Leinwänden verborgen gewesen. Das Portrait einer versunkenen Stadt. Ein alter Mythos, der im vergangenen Sommer vier Menschen das Leben gekostet hatte. Sein erster großer Fall, seit er wieder in seiner alten Heimat war, seit ihn das zerschossene Knie zurück in die Provinz katapultiert hatte. Jetzt hing das Bild, das so gar nicht Monas Stil entsprach, zwischen ihren surrealistischen Gesichtslandschaften und Augenabgründen, in deren Tiefen und Grauen der Betrachter buchstäblich hineingesogen wurde. Zwar passte das Bild von Gordum nicht zu diesen Bildern, aber Greven gefiel es dennoch ausgesprochen gut. Daran konnten auch die negativen Erinnerungen an diesen Fall nichts ändern.
Während Mona sich mit einigen interessierten Besuchern unterhielt, sah sich Greven in dem frisch geweißten Raum um. Die Bilder hingen gut, nicht zu dicht, und erhielten ausreichend Sonnenlicht. Vor allem das neue Triptychon wirkte phantastisch in diesem Raum. Er wandte sich zufrieden ab und wollte nochmals einen Blick auf das Bild von Gordum werfen, als er unvermittelt in die großen braunen Augen von Thea Woltke sah. Grevens Mund öffnete sich leicht. Ihre blonden Haare waren noch länger als im vergangenen Sommer. Wie bei ihrer ersten Begegnung trug sie eine Bluse, der er einfach nicht widerstehen konnte. Ein teurer Duft kroch ihm in die Nase.
"Hallo, Herr Kommissar", begrüßte sie ihn mit ihrer singenden Stimme, die ihn schon bei der ersten Begegnung fasziniert hatte. "Lange nicht gesehen." Dabei trat sie ganz dicht an ihn heran, aufmerksam verfolgt von Monas glühend wachen Augen.
"Moin, Frau Woltke", sagte Greven. "Was macht die Esoterik? Was macht Ihr Kreis Gleichgesinnter, ich meine, was machen die Lü van Buise?" Andere Anknüpfungspunkte fielen ihm spontan nicht ein. "Die heißen längst wieder Lü van Gordum", sang sie, "gleich nachdem Sie den Mörder erwischt haben, sind wir wieder zu unserem ursprünglichen Namen zurückgekehrt. Gordum hat einfach mehr zu bieten als Buise. Finden Sie nicht auch?"
"Doch … äh … ja. Aber Buise hat dagegen mit Sicherheit existiert", kommentierte Greven, "während Gordum wohl doch eher ein Märchen ist."
"Na, da ist Ihre … Malerin aber ganz anderer Ansicht", entgegnete sie selbstbewusst und richtete ihre braunen Augen auf das Gordum-Bild.
In diesem Augenblick rauschte Mona mit schnellen Schritten an den beiden vorbei, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Thea Woltke nahm fast gleichzeitig wieder Grevens Augen in Besitz, lächelte ihn demonstrativ an, presste ihre Brüste in die Bluse und ignorierte Mona auf eine Weise, die nur Frauen in dieser Perfektion beherrschen. Mona schien die ihr zugedachten Signale intuitiv zu spüren, denn sie hatte inzwischen die Tür erreicht und den beiden den Rücken zugekehrt, jedenfalls hob sie den Kopf und beschleunigte ihre Schritte, die nun laut durch den Flur der Schule hallten. Diese Zeichen wusste nun wiederum Greven zu deuten, der sich entschloss, Mona nachzueilen, um sich längere Diskussionen zu ersparen. Doch Thea Woltke fing ihn schon beim Start ab, den sie, wahrscheinlich aus umfangreicher Erfahrung schöpfend, vorausgesehen hatte.
"Warum haben Sie es denn plötzlich so eilig, Herr Kommissar?", lächelte sie. "Ein paar Minuten werden Sie ja wohl für mich entbehren können. Oder suchen Sie schon wieder einen Mörder?" "Nein", antwortete Greven, der spürte, wie warmes Rot in seine Wangen stieg. Thea Woltke schmunzelte, genoss kurz das Rot und begann einen Vortrag über die Aktivitäten der von ihr gegründeten esoterischen Vereinigung Lü van Gordum zu halten. Sie kam jedoch über die Ankündigung der nächsten wichtigen Veranstaltung im Haus der Begegnung nicht hinaus, denn plötzlich stand Mona vor ihr. Greven wurde das Rot nicht los und befürchtete das Schlimmste, noch dazu vor Publikum. Schon glaubte er, die Blicke zahlreicher Besucher auf sie zu ziehen. "Darf ich eure harmonische Wiedersehensfeier kurz stören?", begann Mona, Thea Woltke nur kurz fixierend und sich dann Greven zuwendend. "Ich brauche dich kurz mal. Dienstlich. Oder bist du jetzt in der Esobranche?" Sie griff sich Grevens rechte Hand und zog ihn aus der Gefahrenzone in den Flur. Nach wenigen Schritten erreichten sie den nächsten Klassenraum. Das Schild mit dem Namen des hier ausstellenden Künstlers war mit einem schwarzen Rand versehen. Jann ter Fehn. Jemand hatte daneben eine rote Rose mit Tesafilm auf die Türzarge geklebt. Ohne innezuhalten, zog ihn Mona in den Raum und stoppte ihre Schritte erst vor einem schlichten quadratischen Bilderrahmen aus weiß lasiertem Holz, im Format anderthalb mal anderthalb Meter. Der Rahmen war leer. Greven sah sich um. Sämtliche Bilder Jann ter Fehns hatten diesen weißen Rahmen und dieses Format. Doch enthielten die anderen Rahmen Bilder. Bilder, die wie große Schwarzweiß-fotos aussahen, wie riesige Vergrößerungen, dabei waren sie gemalt, mit Ölfarbe, wie Mona dozierte, wortwörtlich fotorealistisch. Jedes seiner Bilder zeigte einen Spiegel oder Gegenstand mit reflektierender Oberfläche, etwa den geteilten Außenspiegel eines Autos, eine Sonnenbrille, ein verchromtes Stahlrohr oder die Butzenscheibe eines alten Fensters. Nur der Rahmen, vor dem sie jetzt standen, war leer. Unschwer konnte Greven erkennen, dass die Leinwand mit einer scharfen Klinge herausgeschnitten worden war. Der hintere Rahmen, auf den die Leinwand gespannt worden war, war noch immer fest mit dem äußeren Rahmen verbunden.
Mona machte ein wütendes Gesicht. "Ist das nicht eine unglaubliche Sauerei! Jann ist noch nicht mal unter der Erde, da klaut irgendein blöder Souvenirjäger, irgendein gieriger Profiteur schon seine Bilder!"
"Ein Bild", korrigierte Greven nachdenklich, dessen Wangen das Rot inzwischen verdaut hatten, "nur ein Bild."
"Aber das reicht doch wohl, oder?!"
"Ist es wahr, ein Bild von Jann ter Fehn wurde gestohlen?", platzte der Sprecher der Greetsieler Woche in den Raum, mittelgroß, rund und dunkelblau gekleidet, deutlich über fünfzig. Sein Haar schimmerte rötlich. Er musste von der Aula oder dem Eingang hierher gerannt sein, denn er schnappte nach Luft und zog ein Taschentuch aus der Hosentasche, um sich einige Schweißperlen von der Stirn zu wischen. Hinter ihm tauchten noch einige Offizielle und ein Schwarm von Neugierigen auf, die die Nachricht ebenfalls erreicht hatte.
"Ja", sagt Mona empört. "Einfach rausgeschnitten!"
"Wir müssen sofort die Polizei …", setzte der Sprecher an und fuchtelte mit den Händen um den leeren Rahmen herum.
"Nicht nötig, die ist schon da", unterbrach ihn Mona und stellte ihm Greven vor, wie ein Lehrer seinem Rektor einen guten Schüler präsentiert.
"Mordkommission?", erschrak der Sprecher. "Ja … liegt denn hier etwa … aber, Frau Jenns, das kann doch nicht sein, oder?"
"Nein, nein, keine Sorge", beruhigte Greven den Fuchtler und seine Verstärkung. "Ich bin, wie meine Lebensgefährtin schon angedeutet hat, nur zufällig hier. Bearbeiten werden den Fall meine Kollegen vom Raubdezernat, die ich gleich informieren werde. Sagen Sie mir lieber, wann das Bild gestohlen worden sein könnte?"
"Während oder unmittelbar nach der Eröffnungsfeier. Denn heute Morgen war es noch da. Wir machen vor der Eröffnung immer einen Rundgang mit Herrn Nanninga, dem Vertreter der Versicherung. Nachts wird die Ausstellung übrigens von einem privaten Wachdienst bewacht. Aber wer konnte damit rechnen, dass ein Kunstdieb am helllichten Tag …, also, das ist auch noch nie vorgekommen. Ich finde gar keine Erklärung. Und noch dazu ein Bild von Jann ter Fehn."
"Dann ist das Bild also innerhalb der letzten zwei Stunden gestohlen worden", stellte Greven fest. "Richtig", stimmte Mona zu, "denn vorher hatte niemand Zugang zur Ausstellung."
"Zwei Stunden. Dann hat eine Schließung der Ausgänge und Durchsuchung der Gäste keinen Sinn mehr. Aber sorgen Sie bitte dafür, dass jetzt alle den Raum verlassen", bat Greven den schwitzenden Sprecher, der sich unter Einsatz seines Taschentuchs sofort um die geforderte Evakuierung zu kümmern begann. Ein Raunen und Gemurmel setzte ein, und zögernd bewegte sich die angewachsene Menschentraube aus dem Raum. Vereinzelte extrem Neugierige und zu kurz gekommene Voyeure leisteten noch Widerstand, dann bezogen die Offiziellen vor der Tür Stellung.
"Wie lange dauert es, ein Bild dieser Größe aus dem Rahmen zu schneiden?", fragte Greven. "Mit einer scharfen Klinge? Nicht lange. Pass auf, das haben wir gleich!" Mona tat so, als würde sie ein Taschenmesser zücken, und fuhr mit der imaginären Klinge einmal um den Rahmen.
"Das waren acht, sagen wir zehn Sekunden", sagte Greven. "Und was macht der Dieb nun mit dem Bild?" "Zusammenrollen oder falten", überlegte Mona. "Wahrscheinlich rollen, denn er will es ja wieder rahmen oder verkaufen. Aber mit einem zusammengerollten Bild dieser Größe wäre er bestimmt aufgefallen." "Und wenn er es nicht verkaufen will?"
"Dann macht er daraus ein handliches, flaches Päckchen, das in jede Tasche, in jeden Aktenkoffer passt. Und selbst dann kann er es noch verkaufen, wenn er vorsichtig ist."
"Wie viel muss man denn für einen ter Fehn ausgeben?", fragte Greven.
"Nicht wirklich viel", antwortete Mona, "für 1500 Euro bist du dabei. Jedes dieser Bilder steht mit 1500 Euro im Katalog."
"Aber nach dem Tod eines Künstlers steigen doch die Preise für seine Bilder bekanntlich an."
"Nicht immer", erklärte Mona, "eigentlich nur, wenn der Künstler schon zu Lebzeiten halbwegs namhaft war."
"Und van Gogh?"
"Das waren andere Zeiten. Heute musst du bekannt sein, um bekannt zu bleiben. Wenn du dir bis zu deinem Ableben keinen Namen gemacht hast, bekommst du meist auch keinen mehr. Und den Namen macht heute der Kunstmarkt. Das weißt du doch."
"Was heißt das für Jann ter Fehn?"
"Dass seine Bilder sicher im Preis steigen werden, aber diese Steigerung wird sich in Grenzen halten. Er hängt nicht in vielen Museen und ich kenne keinen Sammler, der sich dauerhaft um ihn bemüht hat."
"Wer hat seine Bilder gekauft?"
"Leute, die ab und zu mal ein Bild kaufen, Firmen, Institutionen", sagte Mona. "Die Ostfriesische Landschaft, zum Beispiel."
"Finanziell hat sich der Diebstahl also nicht gelohnt?"
"Nicht wirklich", versicherte Mona, "aber wahrscheinlich hofft der Dieb dennoch auf ein gutes Geschäft."
Greven stellte sich in die Mitte des Raumes und betrachtete die Bilder, hüpfte mit den Augen von einem zum anderen. Sie waren sich ähnlich, aber doch verschieden, denn jeder der gemalten Spiegel zeigte ein anderes Spiegelbild. Außerdem war dieses Spiegelbild, dieses Bild im Bild, mal gestochen scharf und ohne Mühe zu deuten, mal war es unscharf oder sogar kaum zu erkennen, je nach dem, welches reflektierende Objekt der Künstler gewählt hatte.
"Welches Motiv war auf dem Bild zu sehen?", fragte er schließlich.
"Eine Fahrradglocke", antwortete Mona nach kurzem Nachdenken, "eine dieser großen holländischen Fahrradglocken."
"Und der Titel? Kannst du dich an den auch erinnern?"
"Jann hat immer interessante Titel für seine Bilder gefunden", sagte Mona, "oft Alliterationen.
Warte, ich sehe im Katalog nach." Sie zog ein dünnes Heft aus ihrer Tasche und begann zu blättern.
"Das Bild hat die Nummer acht", sagte Greven, noch immer fast in der Mitte des Raumes stehend.
"Hier, ich hab’s."
"Und?"